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Liebes Publikum!

Am 9.9. haben wir nach über 5 Monaten Pause wieder wie gewohnt mit unserem Programm gestartet. Nur die zurzeit üblichen Corona-Schutzmaßnahmen sind neu. Derzeit finden im Kino 813 in der BRÜCKE unter Beachtung des Sicherheitsabstands nur eine begrenzte Zahl von Zuschauern Platz. Dabei ist aber die Belegung von Mehrfachplätzen (2er, 3er oder 4er) möglich, sofern man aus einem Haushalt kommt. Das Foyer dient zurzeit nicht als Aufenthaltsort, lediglich zum Kauf der Eintrittskarten. Beim Betreten des Gebäudes ist das Tragen eines eigenen Mund-Nase-Schutzes verpflichtend, außer am Sitzplatz. Dort kann der Schutz abgenommen werden. Alle Zuschauer müssen sich gemäß der Corona-Schutzverordnung registrieren. Ausführliche Informationen und das Registrierungsformular liegen am Einlass aus.

Wir freuen uns wieder das Licht unser Filmprojektoren zum Strahlen zu bringen und hoffen, trotz der Einschränkungen, ein paar schöne Stunden im Kino bieten zu können!

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Samstag 19.9.2020 – 20 Uhr
Festival des ungesichteten Films
THE BIG EASY – DER GROSSE LEICHTSINN
(THE BIG EASY)
USA 1986, DF, 101 Min., 35mm
Regie Jim McBride
Buch Daniel Petrie Jr.
Kamera Affonso Beato – Musik Brad Fiedel
Mit Dennis Quaid, Ellen Barkin, Ned Beatty, John Goodman

Schweißnasser Neo-Noir über die komplikationsreiche Affäre zwischen einem korrupten Cop und einer engagierten Staatsanwältin. Die dritte Hauptfigur im Bunde: Das pulsierende New Orleans.

»Eine Screwball-Komödie getarnt als glatter N’Awlins-Copthriller, soviel Eighties, dass es schon wieder unwiderstehlich ist. Genug Zydeco- und Cajun-Sound, um einen Alligator zu erdrosseln. Das erotische Element war damals wichtiger als heute, da funktioniert der Film beinahe als Zeitdokument.«
(Derek Godin, Letterboxd)

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Sonntag 20.9.2020 – 19:15 Uhr
Festival des ungesichteten Films
LASS KNACKEN, SCHÄTZCHEN / DER SEXBARON VON ST. PAULI
BRD 1980, 81 Min., 35mm
Regie Jürgen Enz
Buch Michael Eder, Jürgen Enz
Kamera Lutz Ziervogel – Musik Kurt Matthäus
Mit Margit Rauthe, Herbert Warnke, Andrea Wedeking, Horst Sieger

Nach Beendigung seiner Haftstrafe will sich Masken-Ronnie weiter durch die Welt gaunern, doch eine gewiefte Konkurrentin kommt ihm mit ihren eigenen Trickbetrügereien in die Quere. Zusätzlich garniert Jürgen Enz, poète maudit des deutschen Sexfilms, seine naturtrübe Variante einer Screwball-Komödie mit vielen Knackwürsten.

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Mittwoch 23.9.2020 – 20 Uhr
Festival des ungesichteten Films
DAS FREUDENHAUS
BRD 1971, 92 Min., 35mm
Buch und Regie Alfred Weidenmann
Literaturvorlage Henry Jaeger
Kamera Ernst W. Kalinke – Musik Otto Schütt
Mit Karin Jacobsen, Herbert Fleischmann, Gisela Peltzer, Gisela Trowe

Alfred Weidenmann paart die Mittel des aufkeimenden Sexfilms mit der Form der tragikomischen Milieustudie, die mit großer Empathie von den Verstoßenen der Gesellschaft erzählt. Allen voran: die alternde Prostituierte Rosa und der erfolglose Zirkusclown Leopold, die gemeinsam ein Bordell eröffnen.

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Donnerstag 24.9.2020 – 20 Uhr
Festival des ungesichteten Films
DIE FRAU NEBENAN
(LA FEMME D’À CÔTÉ)
F 1981, DF, 106 Min., 35mm
Regie François Truffaut
Buch François Truffaut, Suzanne Schiffman, Jean Aurel
Kamera William Lubtchansky – Musik Georges Delerue
Mit Gérard Depardieu, Fanny Ardant, Henri Garcin, Michèle Baumgartner

In der Frau nebenan, die soeben mit ihrem Ehemann einzog, erkennt Familienvater Bernard seine ehemalige Geliebte. Heimlich lassen die beiden ihre einstige amour fou wieder aufleben – vertrautes Terrain für Truffaut, inszeniert mit der trügerischen Gelassenheit eines Altmeisters.

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Freitag 25.9.2020 – 20 Uhr
Dirty Pictures präsentiert… die gnadenlose Welt des Italowestern – Sauerkraut-Western 

Angetrieben durch den Erfolg der Karl May-Filme fanden auch deutsche Western Anfang der 60er Jahre den Weg in die Kinos… 

DER LETZTE RITT NACH SANTA CRUZ
BRD/A 1964, 96 Min., 35mm
Regie Rolf Olsen
Buch Herbert Reinecker
Kamera Karl Loeb – Musik Erwin Halletz, Charly Niessen
Mit Mario Adorf, Klaus Kinski, Sieghardt Rupp, Marianne Koch, Marisa Mell

Der aus dem Gefängnis entlassene Mexikaner Pedro Ortiz möchte mit seiner Bande nach Santa Cruz. Dort lagert sein letzter Beutezug in einem Versteck. Aber er hat auch noch eine Rechnung mit dem ehemaligen Sheriff offen, der ihn einst hinter schwedische Gardinen brachte…

Der ausgesprochen umtriebige Rolf Olsen lieferte mit dem who-is-who der deutschsprachigen Filmszene einen zum Teil wegweisenden Abenteuerfilm ab, der bereits einige Stilelemente des Italo-Westerns vorwegnimmt. Mit seiner deutlichen Brutalität distanziert er sich komplett von der damals angesagten Karl May-Romantik, und bei den strapaziösen Dreharbeiten in der Wüste von Gran Canaria blieben nicht alle Knochen an ihrem angestammten Platz.

DIE GOLDSUCHER VON ARKANSAS
BRD/I/F 1964, DF, 98 Min., 35mm
Regie Paul Martin
Buch Herbert Reinecker, Hans Bilian, Werner P. Zibaso
Literaturvorlage Friedrich Gerstäcker
Kamera Jan Stallich – Musik Heinz Gietz
Mit Mario Adorf, Horst Frank, Brad Harris, Ralf Wolter, Marianne Hoppe

Im Marble City zahlt ein Indianer mit Gold. Das hätte er besser nicht getan. Denn erstens bezahlt er sein Geheimnis zusätzlich mit dem Leben. Und zweitens bricht das Goldfieber aus, das neben Siedlern auf der Suche nach Reichtum auch einige zwielichtige Gestalten auf den Plan ruft. Zudem wehren sich die Cherokee gegen die Vereinnahmung ihres Landes mit ihren eigenen Mitteln…

Friedrich Gerstäcker, der wiederum Karl May zu seinen Romanen inspirierte, lieferte die Vorlage zu diesem hübsch-naiven Western. Arkansas wurde preisgünstig in Jugoslawien und in den Barrandov-Studios nachgestellt. In einem Fernduell versuchte Mario Adorf zu beweisen, dass er ein besserer Bösewicht ist als Horst Frank.

Sonderveranstaltung: 8,13 € / 7,13 € / 6,13 €

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Samstag 26.9.2020 – 20 Uhr
Boulevard der Erinnerung: Anna Karina († 14.12.2019)
DIE GESCHICHTE DER NANA S.
(VIVRE SA VIE: FILM EN DOUZE TABLEAUX)
F 1962, OmU, 83 Min., s/w, 35mm
Buch & Regie Jean-Luc Godard
Literaturvorlage Marcel Sacotte
Kamera Raoul Coutard – Musik Michel Legrand
Mit Anna Karina, Sady Rebbot, Guylaine Schlumberger, André S. Labarthe

Ikone der Nouvelle Vague. Aus der Pose des Models tritt sie ein in den wirklichkeitsorientierten Film und in Godards Leben.

Wie für Andere Voyeurismus zur Definition des Kinos gehört, ist für Godard Prostitution im Spiel, wenn Schauspielerinnen sich vor die Kameras stellen.

Und Anna Karina war keine Körperschauspielerin, sie hatte es eher mit dem Blick – dieser Film zeigt’s. Wer sie in diesen Filmen mit Godards Liebesblick sieht, versteht, dass es zuletzt nicht nur um ihre Schönheit ging. Sie hat den Theoriestücken Seele eingehaucht. Das Leben ist nicht Film, und das Bild muss lügen, wo es nichts als die Wahrheit zu sagen scheint – was wiederum Godard verzweifeln ließ.

Vorprogramm:
EIN WOCHENENDE AUF DER ERDE IM JAHRE 2000
(ANTICIPATION)
F 1967, DF, 20 Min., s/w, 35mm
Buch & Regie Jean-Luc Godard
Kamera Pierre Lhomme – Musik Michel Legrand
Mit Anna Karina, Jacques Charrier, Jean-Pierre Léaud, Marilù Tolo

Bei Godard gibt es häufig diese Gesten, die den Zuschauer darauf hinweisen, dass der Reflex der Bilder auf der Leinwand noch nicht alles ist, was das Kino zu bieten hat. Was die Materie von Kinobildern ausmacht, hat er besonders überzeugend hier, in diesem Sketch, erfasst und übersetzt. Die Bilder pulsieren wie Plasma. Es ist, als dringe man in sie ein und wäre mit dabei, wenn Kino sich bildet.

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Sonntag 27.9.2020 – 19:15 Uhr
Filmmuseum Düsseldorf präsentiert…
ABSCHIED VON MATJORA
(Прощание)
UdSSR 1983, DF, 126 Min., 35mm
Regie Elem Klimow, Larissa Schepitko
Buch Larissa Schepitko, Rudolf Tjurin, German Klimow
Literaturvorlage Walentin Rasputin
Kamera Alexej Rodionow, Juri Schirtladse, Sergej Taraskin
Musik Wjatscheslaw Artjomow, Alfred Schnittke
Mit Stefanija Stanjuta, Lew Durow, Alexej Petrenko, Leonid Krjuk

Matjora soll einem Wasserkraftwerk weichen. Die Anwohner*innen müssen umgesiedelt werden, Heimat und Traditionen stehen auf dem Prüfstand. Uralte Bauernbräuche laufen Gefahr, ausgelöscht zu werden. Die alte Darja hat ihr ganzes Leben in diesem Dorf verbracht und weigert sich, zu gehen. Der Ort ist mehr als ihr Lebensmittelpunkt, er definiert sie. Die Frage nach Humanität steht im Vordergrund der Geschichte.

Ein Film mit einer bewegenden und langen Produktionsgeschichte, die sich um das Ehepaar Klimow/Schepitko dreht. Beide waren Studierende und zusammen mit Tarkowskij, Kontschalowskij und Muratova am Staatlichen Filminstitut. Schepitko stand besonders unter dem Einfluss von Dowschenko. Die Regisseurin stirbt 1979 während der Dreharbeiten an ihrem Film, den Klimow 1983 in ihrem Namen veröffentlicht: Appell gegen eine Ökonomie, die die Ökologie außer Acht lässt. In der Entstehungsgeschichte und der Inszenierung des Films spiegelt sich der Wandel der sowjetischen Filmindustrie im Hinblick auf Glasnost.

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Mittwoch 30.9.2020 – 20 Uhr
Boulevard der Erinnerung: Irm Hermann († 26.5.2020)
HÄNDLER DER VIER JAHRESZEITEN
BRD 1972, 88 Min., 35mm
Buch & Regie Rainer Werner Fassbinder
Kamera Dietrich Lohmann
Mit Hans Hirschmüller, Irm Hermann, Hanna Schygulla, Klaus Löwitsch

Ein Horrorfilm über die Adenauer-Ära. Irm Hermanns Figur nimmt Rache am kleinbürgerlichen Leben. Ihr Ehemann ist der titelgebende Obsthändler, der zu bescheiden ist für ihre Ansprüche.

Hermanns Schauspielerei war eine Art der Abstrahierung von Biederkeit. Das passte ganz wunderbar zu Fassbinder. Ihr deplatziertes Bayerisch presste aus ihr wie ein Angriffssignal, das herrührt von amputierten Gefühlen; an ihrer schmalen, hochgewachsenen Gestalt, die aneckt, saßen ganz fraglos die fassbinderschen Blümchenkleider. Dazu kam der Silberblick, der in strenge Kompositionen sich irritierend einfügte.

Sie war nicht haute volé und lebte angebunden an das Leben, das sie darstellte. Es ist ihrer Diktion anzumerken. Die zeitweise auch private Beziehung mit Fassbinder konfrontierte sie mit einer Scheinwelt, die sie vorher nicht kannte – sie litt unter ihm, sah ihre Rolle aber als Inbild für das Drama, wie Frauen Macht entwickeln können, um es ihren Unterdrückern gleichzumachen.

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Donnerstag 1.10.2020 – 20 Uhr
Wer ist der Wolf?
WOLFEN
USA 1981, DF, 114 Min., 35mm
Regie Michael Wadleigh
Buch David Eyre, Michael Wadleigh – Literaturvorlage Whitley Strieber
Kamera Gerry Fisher – Musik James Horner
Mit Albert Finney, Diane Venora, Edward James Olmos, Tom Noonan

Detective Dewey Wilson (Finney) untersucht eine eigenartige Mordserie in New York und kommt einer Gruppe von Indianern auf die Spur, die einen archaischen Kult betreiben und ihre Gestalt wandeln können. Nach und nach versteht Dewey, dass die Indianer in Gestalt der Wölfe sich ihr uraltes Territorium Manhattan zurückerobern.

In solarisierten, thermografischen Bildern streift die subjektive Kamera durch die Straßen New Yorks: aus der Perspektive von Wölfen gibt Wadleigh einen anderen Blick auf das System Stadt. Ein ungewöhnlicher Werwolf-Film, der über das Genre hinausweist und sich gleichzeitig über seine immanente Sozialkritik in Richtung Dystopie bewegt.

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Samstag 3.10.2020 – 20 Uhr
DDR/BRD – Hommage an Renate Krößner († 25.5.2020)
SOLO SUNNY
DDR 1980, 104 Min., 35mm
Regie Konrad Wolf
Buch Konrad Wolf, Wolfgang Kohlhaase
Kamera Eberhard Geick – Musik Günther Fischer
Mit Renate Krößner, Alexander Lang, Heide Kipp, Dieter Montag

»Die Sängerin […] Sunny tingelt mit ihrer Band durch die Provinz. Trotz aller beruflichen und privaten Rückschläge sowie der Schwierigkeiten, ihre Träume mit den Lebensrealitäten in der DDR in Einklang zu bringen, versucht Sunny, die Hoffnung nicht aufzugeben.«
(filmportal.de)

»Die von Kohlhaase erdachten Figuren werden unter der sorgsam führenden Hand Konrad Wolfs zu Charakteren, die man zu kennen glaubt, aber in dieser Unverwechselbarkeit noch nie erlebt hat. Die Dialoge sind von jener poetischen Alltäglichkeit, wie sie der Alltag nicht zur Verfügung hat. Der junge Kameramann Eberhard Geick, zum ersten Mal an einem Spielfilm beteiligt, zeigt Bilder von erregendem Realismus. Nichts ist beschönigt oder vergröbert; er beobachtet und wir sehen das Bekannte neu. Die schauspielerischen Leistungen verführen zur Euphorie. Renate Krößner, seit mehreren Jahren hoffnungsvolles Talent, hat sich nun ganz nach vorn gespielt. Wache Intelligenz, Aufrichtigkeit, Naivität, Verletzbarkeit und ein Hauch vom Kellerkind der Berliner Hinterhöfe machen ihre Sunny zu jener Persönlichkeit, von der die Filmheldin träumt.«
(Renate Holland-Moritz, Eulenspiegel 6/1980)

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Sonntag 4.10.2020 – 19:15 Uhr
DDR/BRD – Hommage an Renate Krößner
BIS DASS DER TOD EUCH SCHEIDET
DDR 1978, 96 Min., 35mm
Buch & Regie Heiner Carow
Kamera Jürgen Brauer – Musik Peter Gotthardt
Mit Katrin Sass, Martin Seifert, Angelica Domröse, Renate Krößner

»Jens und Sonja sind Anfang 20. In ihrer Verliebtheit heiraten sie überstürzt, ohne für die Ehe wirklich reif zu sein. Die Probleme beginnen, als ihr erstes Kind geboren wird. Jens, der als Bauarbeiter einen ausreichenden Verdienst hat, möchte, zumal er als Kind familiäre Geborgenheit vermisst hat, dass Sonja sich nur noch dem Kind widmet. Doch sie hat andere Vorstellungen.«
(filmportal.de)

»Wie schon in DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA zeigt Carow hier auch Sinnlichkeit, Temperament, jenes Natureigneis zwischen Mann und Frau, in dem Zärtlichkeit, Sex, Egoismus und Aufopferung nicht voneinander zu trennen sind.«
(Brigitte Thurm, Film und Fernsehen 5/1979)

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Montag 5.10.2020 – 20 Uhr
DDR/BRD – Hommage an Renate Krößner
GRÜSS GOTT, GENOSSE
D 1993, 89 Min., digital
Regie Manfred Stelzer
Buch Gerhard Bengsch
Kamera Michael Wiesweg – Musik Klaus Doldinger
Mit Jürgen Schmidt, Renate Krößner, Georg Marischka, Irm Hermann

Nachdem auch nach jahrzehntelanger Linientreue nichts aus der erhofften Beförderung wird, schlüpft Genosse Wendler mit seiner Frau an der österreich-ungarischen Grenzöffnung zu seinem Onkel nach Bayern durch und weiß sich dort geschwind anzupassen. Doch mit dem Mauerfall holt ihn das schlechte Gewissen wieder ein.

BRD-Chronist Manfred Stelzer (MONARCH) und sein Autor, der SED-nahe DDR-Literat Gerhard Bengsch, zeichnen die Wendezeit als ein losing game selbst für den findigsten Opportunisten: Weder die prä-apokalyptische Paranoia der letzten DDR-Tage noch das übersättigte Grinsen bajuwarischer Selbstgefälligkeit verschonen einen hier. Am subtil herzzerreißendsten artikuliert das Renate Krößner in ihrer Figur, die aus der alten Heimat, die es nicht mehr gibt, in die neue gezerrt wird, die sie nicht will. Deutsch-deutsche Entfremdung als heitere Fernsehunterhaltung.

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Dienstag 6.10.2020 – 20 Uhr
DDR/BRD – Hommage an Renate Krößner
SUSI ODER DAS VERSCHENKTE GIRL
DDR 1980, 63 Min., digital
Regie Richard Engel
Buch Hans-Albert Pederzani – Literaturvorlage Rudolf Braune
Kamera Eckehart Rochner
Mit Simone von Zglinicki, Rolf Gebert, Renate Krößner, Manfred Müller

Wird sie auch vor allem für ihren großen Auftritt als ›Solo Sunny‹ erinnert, so war Renate Krößner doch nicht zuletzt immer wieder in den verschiedensten Nebenrollen präsent, oft vermeintlich unscheinbar, sich dabei aber umso mehr als vielfältige Charakterdarstellerin beweisend.

In diesem Fernsehfilm aus der Reihe ›Liebes- und Skandalgeschichten aus dem alten Berlin‹ spielt sie also nicht die titelgebende Susi, die sich als Tänzerin in der Weimarer Republik durchschlägt, sondern ihre Freundin Gerda. Diese sucht bei ihrem Zukünftigen, dem Polizisten Langlotz, mehr nach Sicherheit als nach Liebe und Abenteuer. Der Stoff Rudolf Braunes, eines in Vergessenheit geratenen Vertreters der Neuen Sachlichkeit, wurde von der DEFA fünf Jahre später als JUNGE LEUTE IN DER STADT auch für das Kino adaptiert.

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Mittwoch 7.10.2020 – 20 Uhr
DDR/BRD – Hommage an Renate Krößner
EINER VOM RUMMEL
DDR 1983, 93 Min., 35mm
Buch & Regie Lothar Großmann
Literaturvorlage Harry Falkenhayn
Kamera Andreas Köfer – Musik Jürgen Ecke, Pankow
Mit Dirk Nawrocki, Renate Krößner, Daniela Hoffmann, Jens-Uwe Pröse

»Benjamin Mykita ist neunzehn, er kassiert das Fahrgeld in einer Berg- und Talbahn auf dem Rummelplatz. Dem selbstbewussten Mann laufen die Mädchen nach, aber mit dem Onkel gibt es Krach, als der ihn mit der 16-jährigen Wohnwagennachbarin ertappt. Benjamin verlässt den Rummel, um die Welt zu entdecken – und sich selbst.«
(Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. DEFA-Spielfilme 1946-1992)

»Der Film ordnet sich in eine Reihe von Filmen der 1980er Jahre ein, in denen unangepasste junge Leute stehen, denen einerseits ihr Recht auf Individualität zugestanden wird, die sich anderseits einsichtig genug zeigen, um sich von der Gesellschaft ›sozialisieren‹ zu lassen.«
(Das große Lexikon der DEFA-Spielfilme)

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Donnerstag 8.10.2020 – 20 Uhr
Wer ist der Wolf?
DIE ZEIT DER WÖLFE
(THE COMPANY OF WOLVES)
GB 1984, DF, 93 Min., 35mm
Regie Neil Jordan
Buch Angela Carter, Neil Jordan
Literaturvorlage Angela Carter
Kamera Bryan Loftus – Musik George Fenton
Mit Sarah Patterson, Angela Lansbury, Stephen Rea, David Warner

Die junge Rosaleen tagträumt sich in Märchenwelten hinein. Als eines Tages ihre Schwester von Wölfen gerissen wird, gerät sie in die Obhut ihrer Großmutter, die ihr unheimliche Geschichten erzählt. In Folge verliebt sie sich in einen jungen Jäger, der sich in einen Wolf verwandelt, während ein Rudel von Wölfen im Dorf sein Unwesen treibt.

Tagtraum und Nachtmahr, Realität und Einbildung verschwimmen in Neil Jordans Film. Er paart Motive aus Rotkäppchen mit Werwolfgeschichten, spielt mit freudianischen Versatzstücken oder Metaphern für Sexualität und erschafft einen traumartigen Film, der mäandert zwischen Märchen, Horrorfilm, Historiendrama und Allegorie.

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Freitag 9.10.2020 – 19:30 Uhr (!)
Kurzfilmprogramm zum dfi-Symposium
›Banden BILDEN‹
The Mirror of Erised

Kurzfilme u. a. von Zachary Epcar, Ana Vaz, Peter Miller, Stefan Ramirez Perez, Miriam Gossing und Lina Sieckmann.

Dieses Programm bildet den Abschluss des dfi-Symposiums »Banden BILDEN. Vermittlungsstrategien für den künstlerischen Dokumentarfilm«.

Im Spiegel ERISED offenbart sich ein heißes Begehren. In ihm erscheint, was uns erschaudern lässt, innerlich spaltet, verleitet und zerklüftet. Er bildet eine magische Schwelle zwischen den verschiedenen Schichten von Realität, zwischen Wahrnehmung und Illusion, zwischen Dokumentarischem und Inszeniertem.

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Sonntag 11.10.2020 – 19:15 Uhr
Festival des ungesichteten Films
DIE ENGLISCHE HEIRAT
D 1934, 93 Min., s/w, 35mm
Regie Reinhold Schünzel
Buch & Literaturvorlage Ludwig von Wohl
Kamera Friedl Behn-Grund – Musik Franz Doelle
Mit Adele Sandrock, Renate Müller, Adolf Wohlbrück, Hans Richter

Zwischen VIKTOR UND VIKTORIA und AMPHITRYON drehte Reinhold Schünzel diese nicht minder provokant satirische Gesellschaftskomödie mit einer Paraderolle für Adele Sandrock – als resolute Matriarchin, die die Sprösslinge ihrer englischen Adelsfamilie unter Kontrolle hält.

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Mittwoch 14.10.2020 – 20 Uhr
Festival des ungesichteten Films
EIN ERFOLGREICHER BLINDGÄNGER
(CHARLIE BUBBLES)
GB 1968, DF, 88 Min., 35mm
Regie Albert Finney
Buch Shelagh Delaney
Kamera Peter Suschitzky – Musik Misha Donat
Mit Albert Finney, Liza Minnelli, Colin Blakely, Billie Whitelaw

Weil ihn das ruhmreiche Leben in der upper class mit existentieller Leere füllt, reist Schriftsteller Charlie zurück zu seinen ländlichen Wurzeln. In seiner einzigen Regiearbeit fusioniert Albert Finney auf außergewöhnliche Weise britische kitchen sink-Mentalität mit der modischen Experimentierfreude europäischen 60er-Kunstkinos.

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Donnerstag 15.10.2020
SoundTrack_Cologne

19 Uhr
FRENCH WAVES
F 2017, OmeU, 86 Min., digital
Regie Julian Starke

Eine Annäherung an die französische Elektro-Szene aus der Perspektive einer jüngeren Generation. Julian Starke spürt die französischen Wurzeln von Techno- und Housemusik auf, erweckt die Ära der illegalen Raves zum Leben und erzählt die außergewöhnliche Geschichte des French Touch. Vor allem aber stellt er die neueste Welle französischer Künstler vor.

21 Uhr
BEATS
GB 2019, OF, 102 Min., digital
Regie Brian Welsh

Im Schottland der 1990er Jahre brodelt im Untergrund eine ausgeprägte Techno- und Raver-Szene. Mittendrin: Der schüchterne Johnno und der übermütige Spanner, deren langjährige Freundschaft immer mehr auf die Probe gestellt wird. Eine Coming of Age-Story über Rebellion und Freundschaft – mit einem Soundtrack, der so elektrisiert wie die Szene, die ihn hervorgebracht hat.

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Freitag 16.10.2020
SoundTrack_Cologne

19 Uhr
WITCH
CZE 2019, OmU, 88 Min., digital
Regie Gio Arlotta

Mit ihrem Mix aus psychedelischem Rock und afrikanischen Rhythmen wurde WITCH in den 1970er Jahren die erfolgreichste Rockband Sambias – und Wegbereiterin eines ganz neuen Musikgenres: Zamrock. 40 Jahre nach dem Erscheinen des ersten Albums, wird ihre Musik von Fans aus dem Westen wiederentdeckt und die ungewöhnliche Biografie des Leadsängers Jagari nachgezeichnet.

21 Uhr
STAMMERING BALLAD
CHN 2018, OmeU, 100 Min., digital
Regie Nan Zhang

Ein intimer, intensiver Blick in das Leben eines Folksängers – und in die Abgründe der chinesischen Gegenwart. Ein junger Chinese überwindet das Stottern, indem er Techniken der historischen chinesischen Kunstmusik erlernt. Eine Reise zurück in sein Dorf zeigt, dass nichts mehr so ist, wie es einmal war.

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Samstag 17.10.2020
SoundTrack_Cologne

19 Uhr
LE CHOC DU FUTUR
F 2019, OmeU, 84 Min., digital
Regie Marc Collin

Paris Ende der 1970er, Anfang der 80er. Die Musikindustrie ist männerdominiert. Und bietet nichts Neues mehr. Ein frischer Wind muss her! Ana benutzt elektronische Geräte, um einen neuen Sound zu kreieren und verschafft sich so als Frau Gehör. Dieser neue Sound ebnet einen neuen Weg, der prägend wird: Die Musik der Zukunft.

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Sonntag 18.10.2020 – 19:15 Uhr
Boulevard der Erinnerung: Peter Thomas († 17.5.2020)
ERINNERUNGEN AN DIE ZUKUNFT
BRD 1970, 94 Min., 35mm
Regie Harald Reinl
Buch Harald Reinl, Wilhelm Roggersdorf
Literaturvorlage Erich von Däniken
Kamera Ernst Wild – Musik Peter Thomas

Mit seinen Erinnerungen an die Zukunft löste Erich von Däniken 1968 kurz vor der Mondlandung einen Hype um Präastronautik aus. Harald Reinl machte daraus einen Film, der es zu einer Oscar-Nominierung für den besten Dokumentarfilm schaffte, ohne einer zu sein. Viel spannender als die Thesen selbst, dass Außerirdische in der Vergangenheit auf der Erde ihre Spuren hinterlassen haben, ist aber die Art und Weise, wie diese einen fragwürdigen wissenschaftlichen Anschein erwecken.

Zwar stellt der Film nur eine Behauptung nach der anderen auf, lässt aber durch seine manipulative Dramaturgie und seinen tendenziösen Kommentar nur eine mögliche Interpretation zu. Und Peter Thomas‘ einlullender Soundtrack sorgt dafür, dass sich der Zuschauer und -hörer dem Fluss der Bilder und Musik bedingungslos ergibt.

»Für den Musiker Thomas war dieser Auftrag eine bis dahin mit nichts zu vergleichende Herausforderung. […] Für ihn ist es die ›Lieblingsmusik von allem, was ich je gemacht habe‹, denn die stilistische Bandbreite reichte hier von klassisch anmutenden Arrangements über verjazzte Bläsersätze hin zum Einsatz elektronischer Verfremdungen.«
(Gerd Naumann, in: Der Filmkomponist Peter Thomas)

Einführung: André Malberg

Im Vorprogramm:
Peter Thomas-Trailershow

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Mittwoch 21.10.2020 – 20 Uhr
Paris mon amour
PARISER LECKEREIEN
(PARIS TOP SECRET)
F/B 1969, DF, 78 Min., 35mm
Regie Pierre Roustang
Kamera Roland Pontoizeau, Jean-Marc Ripert
Musik Even de Tissot
Mit Philippe Bouvard, Jérôme Savary

»Dieser Film ist wie ein intimes Tagebuch, in dem mit offenen Augen und intimer Kamera alle ungewöhnlichen Leidenschaften der ›Stadt der Liebe‹ aufgezeichnet sind«, so die Verleihwerbung. Zu den Eintragungen gehören unter anderem: Hautmaler und Happenings, Striptease und Straßenhunde, Krokodile in der Badewanne, ein Leopard als Liebhaber, eine geheime Zeremonie der ›Bräute der Hölle‹ und das revolutionäre kissomètre, das die Qualität von Küssen misst. In der Tradition der besten Beiträge zum Mondo-Genre wird diese Reise durch das verborgene Paris begleitet von melancholischen Chansons, die sogar eine eigene Single-Auskopplung erhielten. Sündiger wird der Film noch durch den Rotstich, den das letzte verbleibende analoge Material hiervon leider mit sich bringt.

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Donnerstag 22.10.2020 – 20 Uhr
Boulevard der Erinnerung: Nobuhiko Ôbayashi († 20.4.2020)
ZEITREISENDE
(時をかける少女 / TOKI O KAKERU SHÔJO)
J 1983, OmU, 104 Min., 16mm
Regie Nobuhiko Ôbayashi
Buch Wataru Kenmochi
Literaturvorlage Yasutaka Tsutsui
Kamera Yoshitaka Sakamoto – Musik Masataka Matsutôya
Mit Tomoyo Harada, Ryôichi Takayanagi, Toshinori Omi

Der Geruch von Lavendel erfüllt die Luft, dann fällt die junge Yoshiyama im Chemielabor ihrer Schule in Ohnmacht. Als sie wieder aufwacht, ist das Zeitgefüge um sie herum aus den Fugen geraten – und mit ihm auch ihre Gefühlswelt.

Immer wieder öffnet das Kino Ôbayashis Türen in Welten, die man so noch nie gesehen hat. Doch was noch über den wahnwitzigsten Einfall hinaus berührt, ist die Weisheit und Wärme seiner Filme, die Melancholie, die seine oft halluzinatorischen Bildgewitter auch immer miterzählen. Das gilt für sein avantgardistisches Horror-Delirium HAUSU ebenso wie für die kommerzieller orientierten Coming-of-Age-Filme, die er in den 80ern für das Kadokawa-Studio drehte. Ein Film wie ZEITREISENDE wartet mit all den Albernheiten und Sentimentalitäten des zeitgenössischen Teenie-Kinos auf und ist trotzdem zutiefst persönlich, weil sich Ôbayashi darauf mit aufrichtiger Inbrunst einlässt.

»A supernaturally romantic sci-fi flick flying across all dimensions – Nobuhiko Ôbayashi really is the best.«
(Joakim Heinonen, Letterboxd)

In Zusammenarbeit mit dem Japanischen Kulturinstitut (The Japan Foundation) 

Eintritt frei

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Freitag 23.10.2020 – 20 Uhr
Dirty Pictures präsentiert… die gnadenlose Welt des Italowestern – Giuliano Gemma-Special 

Mit 17 Hauptrollen war Giuliano Gemma einer der beliebtesten und erfolgreichsten Darsteller im Genre. Im Rahmen unserer Reihe war er bereits einige Male zu sehen – heute widmen wir ihm ein Double Feature. 

ADIOS GRINGO
(ADIÓS GRINGO)
I/E/F 1965, DF, 98 Min., 35mm
Regie Giorgio Stegani
Buch Josè Luis Jerez, Giorgio Stegani, Michèle Villerot
Literaturvorlage Harry Whittington
Kamera Francisco Sempere – Musik Benedetto Ghiglia
Mit Giuliano Gemma, Ida Galli, Nello Pazzafini, Roberto Camardiel

Von seinem alten Bekannten Gil übernimmt Brent Landers (Gemma) eine Rinderherde. Diese entpuppt sich jedoch leider als gestohlen, und bei der Auseinandersetzung mit dem rechtmäßigen Besitzer kommt es zu einem tödlichen Schusswechsel. Als per Steckbrief gesuchter Mörder will Brent seine Unschuld beweisen, und dazu muss er Gil finden…

ADIOS GRINGO lehnt sich noch deutlich am klassischen Western an, aber das schmälert seinen Unterhaltungswert zu keiner Sekunde. Gemma rockt die Hütte, die Musik schmeichelt sich in die Gehörgänge und der Film selbst hält seine hohe – ähem – Schlagzahl bis zum Ende bei.

AMIGOS
(…E PER TETTO UN CIELO DI STELLE)
I 1968, DF, 88 Min., 35mm
Regie Giulio Petroni
Buch Alberto Areal, Mariano Laurenti, Bernardino Zapponi
Kamera Carlo Carlini – Musik Ennio Morricone
Mit Giuliano Gemma, Mario Adorf, Magda Konopka, Anthony Dawson

Der Herumtreiber Tim (Gemma) betrügt den bärenstarken Langsamdenker Larry (Adorf) um sein Gold. Larry will es aus ihm wieder herausprügeln, aber Tim überzeugt ihn, gemeinsam auf Beutetour – sowohl Geld als auch Frauen – zu gehen. Allerdings hat Tim noch ein paar unbeglichene Rechnungen aus der Vergangenheit, die ihm nach dem Leben trachten…

Die AMIGOS sind eher zwei unreife Jungs, die sich der Tragweite ihrer Handlungen nicht immer bewusst sind. Aber auch wenn in betont humorvollen Passagen die Komik von Spencer/Hill vorweggenommen wird, breitet sich auf der Leinwand das bittere, harte Leben aus, über das eine von Morricones Klängen getragene Melancholie schwebt.

Sonderveranstaltung 8,13 € / 7,13 € / 6,13 €

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Samstag 24.10.2020 – 20 Uhr
Ein Abend für Jean Seberg
JEAN SEBERG – AMERICAN ACTRESS
D/CH 1995, 82 Min., 35mm
Buch & Regie Donatello und Fosco Dubini
Kamera Donatello Dubini

Jean Sebergs Werdegang von der amerikanischen Apothekerstochter über die internationale Filmikone bis zur Verfolgten des FBI untersuchen die Brüder Dubini mittels eines ethnographischen Zugangs, wie Jean Rouch, einer der größten Fans des Films, feststellte: Sie nähern sich ihrem Subjekt nicht über den großen Starrummel, sondern über die Orte, an denen Seberg ihre Spuren hinterließ, über weniger prominente Weggefährten wie einen Filmvorführer, eine Ärztin oder einen Leibwächter, über Fotos und private Dokumente.

In Anwesenheit von Fosco Dubini 

Im Anschluss:
BONJOUR TRISTESSE
USA 1958, DF, 94 Min., 35mm
Regie Otto Preminger
Buch Arthur Laurents – Literaturvorlage Françoise Sagan
Kamera Georges Périnal – Musik Georges Auric
Mit Jean Seberg, David Niven, Deborah Kerr

»Das Porträt einer flatterhaften jungen Frau, die ihr vergnügliches Leben mit ihrem Vater mit List und Intrigen verteidigt, als Dokument der Moderne, als ›Meisterwerk des Pastiche‹ (Rivette), als Vision über den Wunsch, in den Tag hineinzudösen. […]

Jean Seberg gibt dieser Cécile und deren Neigung zu Luxus wie ihrem rachsüchtigen Krieg gegen eine alte Freundin ihres Vaters eine geradezu abenteuerliche Kontur: Wie sie dafür, gekleidet in weißen Hot Pants und einem gestreiften T-Shirt, einmal einen gefährlichen Ziegenpfad entlangrennt, der nahe am Abgrund zum Meer liegt, wie sie sich also in Gefahr begibt, um darin nicht umzukommen, das ist voller Anmut, Charme, Magie. […]

Seberg unterlegte ihrem Spiel oft eine zweite Ebene, so dass im Ausdruck auch die Bausteine ihres Spiels sichtbar werden – und im Spiel die Effekte ihrer Technik. Eine zweite, geradezu abenteuerliche Aura bildet sich um sie. Sie ist Alltags- und Traumgestalt in einem. Der Zauber ihrer Spontaneität war letztlich Dokument und Fiktion gleichermaßen.«
(Norbert Grob)

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Sonntag 25.10.2020 – 19:15 Uhr
Boulevard der Erinnerung: Michel Piccoli († 12.5.2020)
DILLINGER IST TOT
(DILLINGER È MORTO)
I 1969, OmU, 94 Min., 16mm
Regie Marco Ferreri
Buch Sergio Bazzini, Marco Ferreri
Kamera Mario Vulpiani – Musik Teo Usuelli
Mit Michel Piccoli, Anita Pallenberg, Annie Girardot, Adriano Aprà

Ferreri ist heute ziemlich vergessen, in Piccolis Erinnerungen spielte er eine wichtige Rolle. Diese erste Zusammenarbeit zwischen den beiden ist eine erratische one man show. Die Sprache hat nach dem Prolog ausgedient, dann kommt Piccoli nach Hause, langweilt sich, denkt nach, kocht, obwohl oben das berühmte Model Anita Pallenberg nackt im Bett liegt.

Er führt sich alte Super-8-Filme vor, macht Faxen dabei, findet einen prominenten Revolver im Schrank, spricht kaum, ist dafür sehr präsent: In keinem Moment ist klar, wen man da vor sich hat. Diesem Mann ist alles zuzutrauen, so wie man Piccoli in seiner Rollenwahl immer alles zutrauen konnte.

Dass er nicht mehr ganz jung war, als er berühmt wurde, war wichtig für sein Profil. Er war attraktiv, sehr sogar, aber nie der jugendliche Liebhaber, immer eine vertrackte, ins moralisch Dubiose schillernde Figur. Ein Mann mit viel Körper, mächtiger, reichlich behaarter Oberkörper, man sieht ihn oft nackt.

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Mittwoch 28.10.2020 – 20 Uhr
Filmmuseum Düsseldorf präsentiert…
LICHTER DER GROSSSTADT
(CITY LIGHTS)
USA 1931, DF, 86 Min., s/w, 35mm
Musik & Regie Charles Chaplin
Buch Harry Crocker, Harry Carr, Charles Chaplin
Kamera Roland Totheroh, Gordon Pollock
Mit Charles Chaplin, Virginia Cherrill, Harry Myers, Florence Lee, Allan Garcia

Chaplin jongliert mit den Gegensätzen, Slapstick und Wehmut geben sich stets die Hand. CITY LIGHTS erscheint trotzdem in sich geschlossener, die langwierigen Proben mit der Laiin Cherrill sind weder sicht- noch spürbar – all die irrsinnige Perfektion, die in Chaplins Filme ging, wirkt hier noch leichter als sonst, aufgelöst als Ballett, immer eine exakte Zeitfolge und Raumkontinuität einhaltend.

Gertrude Stein traf Chaplin einmal in Hollywood. Er erinnerte sie an einen spanischen Stierkämpfer, den sie besonders mochte: Gallo konnte keinen Stier töten, aber er bewegte ihn wie kein anderer, er, der für sich ohne Grazie war, konnte bewegen wie niemand sonst. Den Rhythmus der Dinge ändern, das könne nur das Kino, habe Chaplin gesagt.

Einführung: Florian Deterding 

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Donnerstag 29.10.2020 – 20 Uhr
Wer ist der Wolf?
THE HOWLING
(DAS TIER)
USA 1981, OF, 91 Min., 35mm
Regie Joe Dante
Buch John Sayles, Terence H. Winkless
Literaturvorlage Gary Brandner
Kamera John Hora – Musik Pino Donaggio
Mit Dee Wallace, Karen White, Patrick Macnee, Dennis Dugan

Um ein traumatisches Ereignis zu bewältigen, begibt sich Fernsehreporterin Karen (Wallace) in das weit von der Stadt abgelegene Therapiezentrum Dr. Waggners (Macnee). Nach und nach entpuppt sich dieses aber als Werwolfkolonie – und da diese kein friedliches Zusammenleben mit Menschen anstreben, gerät Karen schon bald in Lebensgefahr.

Joe Dantes Beitrag zum Werwolf-Genre erhält durch John Sayles‘ Drehbuch einen ähnlich satirischen, schwarzhumorigen Touch wie schon PIRANHA. Rob Bottins Transformationseffekte waren damals beinahe so bahnbrechend wie Rick Bakers Arbeit am AMERICAN WEREWOLF.

Die Verwandlungsszene ist ein wahres Metamorphose-Delirium in Echtzeit. Wenn sich die Kiefer nach vorne schieben zu einer geifernden Schnauze, wirkt das wie eine groteske Erektion. Vorbei war die Zeit der simplen Überblendungen und putzigen Monster.

Im Vorprogramm:
DER WÄRWOLF
D 1916, 10 Min., s/w, 35mm
Buch & Regie Carl Schönfeld

Eine der ersten Spuren, die der Werwolf in der Filmgeschichte hinterlassen hat. Was verbirgt sich dahinter? Und was hat Sherlock Holmes damit zu tun? Finden wir es heraus!

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Samstag 31.10.2020 – 22:15 Uhr (!)
Black Horror Weekend
CANDYMAN
(CANDYMANS FLUCH)
USA 1992, OF, 99 Min., 35mm
Buch & Regie Bernard Rose
Literaturvorlage Clive Barker
Kamera Anthony B. Richmond – Musik Philip Glass
Mit Virginia Madsen, Tony Todd, Xander Berkeley, Kasi Lemmons

Sprich seinen Namen fünfmal in den Spiegel, und er erscheint und schlitzt dich mit seiner Hakenhand auf: Candyman, der zur Legende gewordene schwarze Sklave, der einst seine Liebe zu einer Weißen mit dem Leben bezahlen musste. Die Doktorandin Helen geht seinen Spuren im urbanen Chicago nach und kommt ihm dabei unverhofft nahe.

In Rückbesinnung auf das intellektuell neugierige Horrorkino vergangener Dekaden verweben Rose und Barker eine Vielzahl von Themen miteinander, von der Überzeitlichkeit rassistischer Strukturen über die Macht der Mythen bis hin zur Städteplanung. Dabei bleibt der Film gleichzeitig eine sehr sinnliche Angelegenheit, voll tragischer Romantik, dichtem Suspense und gellenden Schocks, eingewoben in einen Klangteppich aus dem markerschütternden Bariton Tony Todds und den verführerischen Harmonien Philip Glass’.

»Die ruhige analysierende Kälte des Films gibt sich immer sehnsuchts- wie angstvoller den Bildern von Nichtorten hinter Spiegeln hin. Afroamerikanische Buhmänner und dröhnende Bienenschwärme warten dort, die süß locken und die weiße Wohlstandswelt mit ihren Neurosen, Schuldgefühlen und Psychosen zu einem schrecklichen Tanz bitten.«
(Robert Wagner, Eskalierende Träume)

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Sonntag 1.11.2020 – 19:15 Uhr
Black Horror Weekend
DEF BY TEMPTATION
USA 1990, OF, 95 Min., 35mm
Buch & Regie James Bond III
Kamera Ernest R. Dickerson – Musik Paul Laurence
Mit James Bond III, Kadeem Hardison, Cynthia Bond, Bill Nunn

Unter den schwarzen Horrorfilmen, derer es in den 90ern eine kleine Renaissance im Zuge des New Black Cinema gab, ist ein Film wie DEF BY TEMPTATION die B-Seite zu den Großproduktionen wie CANDYMAN: Preisgünstig produziert von einer fast ausschließlich afroamerikanischen Crew, mit großer Lust an Genre-Thrills und deftigem Humor, dabei trotzdem persönlich und intim. All das bündelt James Bond III in seiner Geschichte von zwei jungen Theologiestudenten, die sich in New York einer männermordenden Dämonin erwehren müssen.

»Part buddy comedy, part neon-soaked horror fever dream, this unsung 90s indie gem features stylish cinematography, an early performance by Samuel L. Jackson, a man-eating succubus, and a killer television.«
(Brooklyn Academy of Music)

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